Vor 90 Jahren, nämlich genau am 24. Februar 1926 wurde die erste Motorspritze der Feuerwehr Wolfach zum Straßenverkehr zugelassen. Auslöser dieser Beschaffung war letztlich der Brand der Stadtmühle an der Stadtbrücke im Juli 1925. Nach der Bestellung des Fahrzeuges bei den Benzwerken in Gaggenau im Dezember desselben Jahres wurde das 27916,50 Reichsmark teure Fahrzeug nur 6 Wochen später an die Stadt Wolfach geliefert.

Welchen Fortschritt die Motorisierung für die Feuerwehr Wolfach bedeutete wird klar, wenn man bedenkt, dass die Einsatzkräfte bis dahin die Handdruckspritzen zu Fuß an die Brandstelle ziehen mussten. Auch das Löschen erfolgte nur mit Muskelkraft und dem Druck des Hydrantennetzes.

Technisch gesehen war das Feuerwehrfahrzeug für damalige Verhältnisse sehr modern. Das Fahrzeug bot Platz für die komplette Löschmannschaft sowie die Löschgeräte und die Feuerlöschkreiselpumpe schaffte bis zu 1500 Liter in der Minute. 40 Jahre nach der Erfindung des Automobils stand die Motorisierung noch in der Anfangsphase. Zu dieser Zeit gab es in Wolfach nur etwa 20 PKW und drei LKW.

Dieselmotoren waren damals noch kein Standard. So ist auch unsere Benz-Motorspritze mit einem 4 Zylinder Benzinmotor mit einer Leistung von 48 PS ausgestattet. Allerdings wurde schon eine Bosch Batteriezündung eingebaut, die erst ein Jahr zuvor vorgestellt wurde. Da man der Technik noch nicht sehr vertraute, ist aber eine Doppelzündung mit einem Zündkerzensatz eingebaut. Es kann hier zwischen Magnet- und Batteriezündung umgeschaltet werden. Vermutlich gab es dieses System nur in einer kurzen Übergangszeit, was die Ersatzteilbeschaffung für die Zündung sehr schwer macht. Als weitere Auffälligkeit ist das Fahrzeug ein Rechtslenker, das heißt das Lenkrad befindet sich auf der rechten Seite. Auch das Gaspedal befindet sich im Gegensatz zum heutigen Standard nicht rechts sondern in der Mitte zwischen Kupplung und Bremse. Über das unsynchronisierte Getriebe lassen sich ein Rückwärtsgang und vier Vorwärtsgänge schalten, die das 4,6 Tonnen schwere Fahrzeug auf bis zu 50 km/h beschleunigen.

Gebaut wurde das Fahrzeug im Benzwerk in Gaggenau. Die Fahrgestellbezeichnung lautet 2CSN. Unser Fahrzeug trägt die Fahrgestellnummer 15090. Der Erfinder des Automobils, Carl Benz hat zu dieser Zeit noch gelebt und die beiden Firmen Benz und Daimler sind erst Mitte des Jahres 1926 dann zur Firma Daimler-Benz zusammengewachsen. Das Benzwerk in Gaggenau ist heute das älteste Automobilwerk der Welt.

Bei vielen Einsätzen hat sich der Benz in seiner Dienstzeit in Wolfach und der gesamten Umgebung bewährt. Vor allem in der Anfangszeit wurde der Benz bei einer Vielzahl von Überlandeinsätzen im Landkreis Wolfach eingesetzt. Zu den bedeutendsten Einsätzen zählen der Schlossbrand im Wolfacher Schloss 1947 und der Einsatz beim Bombenangriff 1944 in Straßburg. Ab 1950 wurde der Benz von einem Löschgruppenfahrzeug der Firma Magirus Deutz unterstützt.

Nach 37 Jahren wurde dann das mittlerweile nicht mehr dem Stand der Technik entsprechende Fahrzeug außer Dienst genommen und dann am 21.6.1965 vom Straßenverkehr abgemeldet. Zum Glück nicht, wie auf dem damaligen Kraftfahrzeugbrief notiert, wegen „Verschrottung“. Aber der Platz für das Fahrzeug war nicht mehr vorhanden und so wurde vom damaligen Feuerwehrausschuss beschlossen den Benz zu verkaufen. In der Festschrift zum 125 jährigen Bestehen der Feuerwehr Wolfach 1985 wurde dieser Verkauf so dokumentiert: „Im Jahr 1970 verließ dieses Auto, das heute das Herz jedes Autoliebhabers entzückt, das Städtchen für immer“.

Aber aufgrund der Initiative von einigen Feuerwehrkameraden und besonders von Oldtimerexperte Karl Hermann ist dies nicht so geblieben. 1992 wurde der Oldtimer ausfindig gemacht und dann 1994 nach 24 Jahren wieder in seine Heimat zurück geholt.

In einer aufwendigen Restaurierung wurde der Oldtimer von der Benz-Gruppe wieder hergerichtet. Nach vier Jahren erstrahlte der Benz wieder in neuem Glanz, so wie bei seiner Auslieferung 72 Jahre zuvor. Dies wurde 1998 mit einem großen Oldtimertreffen gebührend gefeiert. Seither wurde der Benz bei zahlreichen Oldtimertreffen bestaunt und war das Aushängeschild der Feuerwehr und der ganze Stolz der Benzgruppe. Zum 80 jährigen Jubiläum fand dann im Jahr 2006 wieder ein großes Oldtimertreffen in Wolfach statt. Seinen (vorerst) letzten großen Auftritt hatte der Benz beim Deutschen Feuerwehrtag, der 2010 in Leipzig statt fand. Eine Woche wurde hier mit Fahrten rund um die Messestadt Werbung für den Feuerwehrtag und die Messe Interschutz gemacht.

Der größte Schicksalsschlag für das Fahrzeug kam dann am 20. November 2011, als am frühen Sonntagmorgen ein Brand in der Garage des Oldtimers ausbrach. Als die ersten Mitglieder der Benzgruppe an der Garage ankamen war der Benz noch weitestgehend unversehrt, konnte aber aufgrund der großen Hitze und der schnellen Brandausbreitung nicht mehr aus der Garage gerettet werden. Als wenige Minuten später die ersten Kräfte der Feuerwehr eintrafen war es aber schon zu spät. Das Fahrzeug stand lichterloh in Flammen. Innerhalb weniger Minuten wurde das Schmuckstück der Wolfacher Feuerwehr komplett zerstört.

Nach dem ersten Schock war jedoch schnell klar, das diese Stück Feuerwehr- und Automobilgeschichte nicht so schnell aufgegeben wird. Zuviel Herzblut hängt an der ersten Kraftfahrspritze der Feuerwehr Wolfach.

Leider ist der Benz zu seinem Jubiläum noch eine „Baustelle“. Aber der Wiederaufbau geht voran und viele Probleme sind mittlerweile schon gelöst. 3500 Arbeitsstunden wurden schon investiert um den Benz wieder herzurichten und viele Stunden werden noch folgen. Viele Spender und Arbeitseinsätze der Benzgruppe sichern auch den hohen finanziellen Aufwand.

Aber am Tag, an dem der Benz wieder in neuem Glanz erstrahlt und zum ersten Mal wieder durch die Stadt tuckert –so wie vor 90 Jahren- wird diese Anstrengung vergessen sein.

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