Ein nicht alltägliches Naturschauspiel ereignete sich am Dienstag den 31.01.2017 im Wolf- und Kinzigtal und bereitete den umliegenden Feuerwehren, ein paar aufregende Stunden.


IMG_5879Nach einer längeren Kälteperiode hatten sich auf beiden Flüssen bis zu 25 cm dicke Eisschichten gebildet. Durch den niedrigen Wasserstand und eine geringe Fließgeschwindigkeit hatte das Wasser, der Kinzig und der Wolf keine Chance sich den eisigen Temperaturen zu entziehen. Das sonst so lebendige Wasser unserer Gebirgsflüsse erstarrte zu großen Teilen und erzeugte mit den schneebedeckten Bergen der Umgebung, eine bizarre Winterlandschaft.
Als die Kameraden der FF Wolfach am Montagabend noch die Eisrettung auf der zugefrorenen Wolf probten, glaubte noch keiner, dass uns dieses Element am nächsten Tag noch einige Stunden beschäftigen würde. Nach einsetzendem Tauwetter und einer regnerischen Nacht begannen die Pegel an den Flüssen zu steigen und ein drohender „Eisgang“ war vorprogrammiert.
Gegen 10.00 Uhr war es dann so weit und das Eis setzte sich in Teilen des hinteren Kinzig und Wolftals in Bewegung. Nachdem mich ein Feuerwehrkamerad, der im Flussaufwärts liegenden Schiltach arbeitet, darüber informierte, dass ein Eisgang kommt, ging ich sofort zur nahegelegenen Stadtbrücke, um das Naturschauspiel zu beobachten. Als ich aber bemerkt hatte, dass sich hier etwas Größeres anbahnen könnte und auch schon von besorgten Bürgern über erste Überschwemmungen an der Wolf informiert wurde, beschloss ich den Bürgermeister zu informieren. Nach Rücksprache mit Ihm, wurde die Feuerwehr der Abt. Wolfach alarmiert und der Bauhof über das drohende Ereignis informiert. Die erste Aufgabe, der alarmierten Kräfte bestand darin, alle neuralgischen Punkte, wie Bücken, Wehre, Rad und Spazierwege entlang der Flüsse zu sichern um Leib und Leben der Bevölkerung zu schützen.
In historischen Berichten unserer Stadt sind uns diezerstörerischen Auswirkungen solcher Naturereignisse oft schon schmerzlich vor Augen geführt worden. So schreibt Franz Disch in der Chronik der Stadt Wolfach aus dem Jahre 1920:

Hochwasser und Eisgängeeisgang_historisch
Die früher so gefürchteten Eisgänge sind Ihnen sogar zu einem großartigen Naturschauspiel geworden, und jung und alt eilt zum Flusse, wenn Tauwetter seine Wasser so weit gestärkt, daß er die starre Fessel, die ihm der Winter angelegt zerreißen kann. Plötzlich hebt sich dann die mächtige Eisdecke; krachend schieben sich die gewaltigen Schollen, Schirgel genannt, gegen und übereinander, sich wechselseitig zermürbend und zermalmend; donnernd stoßen sie gegen die Eisbrecher; polternd fallen sie über die „Deiche“, manchem derselben tiefe Wunden schlagend. Wohl gesellt sich auch ein stilles Bangen zu der Bewunderung des großen Schauspiels; den wenn sich die Eismassen stauen, bildet sich leicht eine unbewegliche Mauer im Flußbett, und das Wasser tritt dann verheerend aus seinen Ufern. Meist gelingt es aber der erfahrenen Wasserwehr bald die starren Eismassen (wenn nötig durch Sprengen mit Dynamit) wieder in Bewegung zu bringen; sie dar freilich nicht säumen; denn schon wird von einem weiter oben am Flusse gelegenen Ort die baldige Ankunft weitere Eisgänge gemeldet. Anno 1829 bis 1830 war ein sehr kalter Winter; es war schon über Martini alles eingefroren und abends den 9. auf den 10. Februar kam ein sehr starker Eisgang, welcher stecken geblieben und die ganze Vorstadt im Gefahr brachte einzustürzen. Die Kinzig war ganz trocken und mit Eis ausgefüllt; das Wasser lief durch die Stadt und Vorstadt. In der Stadt war das Wasser so stark, das es unter dem Rathaus einen Weinwagen mit fort nahm und im Schloß 5 Stück Vieh ertranken.

Nach einem anderen Bericht soll das Eis in der Vorstadt bis zu 2. Stock gereicht haben. Der letzte größere Eisgang fand im Februar 1985 statt. Nach mehreren Wochen eisiger Kälte richtete der größere Schäden an. Zwar wurden wir von
größeren Überschwemmungen verschont, aber mehrere Brücken, Ufermauern wie auch Wehranlagen fielen den Eismassen zum Opfer. So waren wir nun vorgewarnt und gingen in Stellung um die Naturgewalten und Ihre Auswirkungen zu beobachten und wenn nötig einzugreifen. Die Brückenbauwerke, die früher meist aus Holz errichtet wurden, stellten für die mächtigen Eisschollen oft kein Hindernis dar, sie wurden einfach mit gerissen. Aber die heutigen
Flussüberquerungen mit ihren tiefen Unterzügen, können die treibenden Eismassen schnell blockieren und so zu raschen Überflutungen führen. Der von Schiltach kommende Eisgang, war an einer Wehranlage am Ortseingang von Wolfach, ins
stocken geraten und bildete sofort im gesamten Vorlandbereich der Kinzig einen Treibeissee, wie man ihn aus den arktischen Meeren kennt. Die steigenden Fluten schoben letztlich die Massen von Eis über die Uferbereiche zurück ins Flussbett,
die donnernd zu Tal rauschten.
IMG_5882Sofort wurden die Kameraden über die nahende Gefahr informiert und sperrten umgehend alle gefährdeten Bereich ab. Glücklicherweise konnte der Abfluss ohne zu stocken, die Stadt passieren, bis er abermals an einem Wehr am Ortsausgang hängen blieb. Auch der Eisgang aus dem Wolftal, der dort schon für Überflutungen im Bereich von Oberwolfach gesorgt hatte, fand dort sein vorübergehendes Ziel. In der Stadt machte sich angesichts der entspannten Lage, den zerstörenden Kräften, entgangen zu sein, eine gewisse Erleichterung breit. Nur die aufgetürmten Eismassen am „Sachtleben-Wehr“ beschäftigte die Einsatzkräfte noch. Kreisbrandmeister Bernhard Frei sowie Vertreter des Amtes für Wasserwirtschaft des Ortenaukreises, machten sich vor Ort auch ein Bild von der Lage.
Auf Anweisung der verantwortlichen Personen des Landratsamtes wurden vorsorglich alle unterliegenden Feuerwehren entlang der Kinzig von der Leitstelle Ortenau über das nahende Ereignis alarmiert. Die Einsatzkräfte wurden angewiesen, den Flusslauf zu kontrollieren und alle Wehre zu öffnen um größeren Schaden zu vermeiden. In Wolfach erreichte zwischenzeitlich ein Kettenbagger die Einsatzstelle und begann damit, das Wehr vom Eis zu befreien. Die gigantischen Massen aus Eis setzten sich in Bewegung und ergossen sich krachend und donnernd über das Wehr, das nach kurzer Zeit der Belastung nicht mehr stand hielt und zerbarst. Tonnenschwere Blöcke schoben sich, auf einen an der Kinzig liegenden Radweg, der kurz zuvor noch gesperrt werden konnte. Normalerweise befinden sich zu dieser Zeit viele Schüler auf dem Heimweg, und währen von dem Ereignis völlig überrascht worden.
Die Stadt Wolfach ist hier „Gott sei Dank“ noch einmal mit einem „Blauen Auge“ davon gekommen und auch die anderen Anrainer der Kinzig konnten keine Schäden verzeichnen. Dieser Einsatz hat uns man wieder gezeigt wie wir den Elementen ausgeliefert sind und uns die Natur neben ihrer verletzlichen Schönheit auch ihre zerstörerische Macht demonstrieren kann. Denkt man doch an die verehrenden Ereignisse der letzten Zeit, wie die Erdbeben in Italien, die Waldbrände in Bayern, Überschwemmungen in Schwäbisch Hall und in Braunsbach, oder die Sturmtiefs, die uns immer wieder erreichen. Wir können sie nicht verhindern, aber wir können uns darauf vorbereiten. Es liegt hierbei auch an den politisch Verantwortlichen, die Hilfsorganisationen so Auszustatten, damit sie auch effektive Hilfe leisten können!
Christian Keller OBM
Stv. Kdt. FF Wolfach

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Hintergrund Eisgang (Auszug Wikipedia):
Als Eisgang wird das Treiben („gehen“) von Eis auf fließenden Gewässern (Flüssen, Wattenmeer) bezeichnet. Dieses Phänomen tritt in zwei Perioden auf. Zum einen gibt es Eisgang, wenn sich im Winter Eisschollen auf den Flüssen  bilden. Zum anderen kennt man Eisgang in Verbindung mit der Schneeschmelze. Besonders gefährlich ist der Eisgang, wenn sich in einem strengen Winter eine dicke Eisdecke auf einem Fluss gebildet hat und diese durch stark steigende Temperaturen in Verbindung mit Regen aufbricht und so mehrere Tonnen schwere Eisblöcke auf dem Fluss treiben. Diese können Gebäude beschädigen (wie z. B. 1784 das Kölner Cellitinnenkloster Dreifaltigkeit) oder zerstören (wie bspw. die Heidelberger Alte Brücke im selben Jahr). Brückenpfeiler können zum Schutz vor Eisgang mit „Eisbrechern“ ausgestattet sein.